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Diagnose Kissing Spines - und nun?

Wenn der Pferderücken schmerzt und unter dem Reiter nicht mehr richtig schwingt wird die Angst vor Kissing Spines bei vielen Besitzern groß. Kissing Spines (Deutsch: "Küssende" Wirbel) ist eine Erkrankung im Brust- oder Lendenwirbelbereich, bei dem sich der Abstand zwischen den Dornfortsätzen der Wirbel verengt. In deutlicheren Befunden berühren sich die Dornfortsätze, durch die Reibung kommt es zu schmerzhaften Entzündungen. Wird der Zustand zu spät erkannt oder keine entsprechenden Gegenmaßnahmen ergriffen, kommt es sogar zu Knochenzubildungen und Verknöcherungen einzelner Dornfortsätze.

Im Röntgenbild zeigt sich schnell, ob sich die Dornfortsätze des Pferdes berühren.

Was sind überhaupt diese Dornfortsätze?


Wenn wir reiten, sitzen wir nicht auf dem Wirbelkörper, sondern eigentlich auf den Dornfortsätzen, welche aus jedem Wirbel entspringen und die Rückenlinie formen. Wenn sich die Wirbelsäule beugt, also der Rücken nach oben geht, wird der Abstand zwischen den Dornfortsätzen größer. Geht der Rücken in die Streckung, also nach unten, nähern sich die Wirbelfortsätze deutlich an. Zwischen Ihnen gibt es Bänder und Muskeln, die die Wirbel und Dornfortsätze stabilisieren, aber auch Bewegen. Eine verspannte Muskulatur kann diese also auch "zusammenziehen".



Wie kommt es zu den Küssenden Dornfortsätzen?


Kissing Spines können durch verschiedene trainingsbedingte Fehler, Ausrüstungsgegenstände und Haltungsfehler begünstigt werden:

  • Reiten in falscher Aufrichtung - durch Zügeleinwirkung wird das Pferd nach oben in die Anlehnung gezogen, ohne dass Rumpf und Rücken reell angehoben werden (siehe Blogpost Rumpftragemuskulatur). Das Pferd hat keine andere Wahl, als den Rücken nach unten zu drücken, um der Wirbelsäule Platz zu geben.

  • Fehlende Grundausbildung des Reiters - bei Reitanfängern, aber auch bei Reitern mit fehlender oder falscher Grundausbildung kommt es häufig zu unruhiger oder unsachgemäßer Zügeleinwirkung, erschwerend plumpst der Reiter oft unausbalanciert in den Rücken. Um sich selbst zu stabilisieren und dem Reiter auszuweichen laufen viele Pferde mit hoch erhobenem Kopf und nach unten weggedrücktem Rücken.

  • Zu wenig oder Falsches Training - im Training wird nicht auf die Ausbildung wichtiger und tragender Muskulatur (Rumpftragemuskel, Bauchmuskulatur) geachtet, dem Rücken fehlt die Stütze von unten, die Schnur, die die Wirbelsäule wie einen Bogen elastisch nach oben spannt.

  • Ein zu schwerer Reiter (siehe Blogpost Reitergewicht) und zu wenig stützende Muskulatur. Das Reitergewicht sollte maximal 10 - 15 % des Pferdegewichtes betragen. Je schlechter der muskuläre Ausgangszustand des Pferdes ist, desto leichter sollte der Reiter sein.

  • Schlecht sitzende Ausrüstungsgegenstände - auch ein unpassender Sattel, ein drückendes Pad unter einem engen Wirbelkanal oder eine scheuernde Schabracke können dem Pferd Probleme bereiten und es dazu animieren, den Rücken aus der Schmerzzone nach unten wegziehen zu wollen.

  • Fressen in unphysiologischer Haltung - z.B. das Fressen aus hohen Heunetzen und Heuraufen oder das Fressen aus zu hohen Futtertrögen begünstigen die Streckung der Wirbelsäule und überbeanspruchen die Rückenmuskulatur - diese verspannt und zieht die Dornfortsätze zusammen.

In wenigen Fällen spielt auch eine erbliche Komponente eine Rolle, manche Tiere haben durch tatsächliche (nicht muskulär bedingte) Exterieurfehlstellungen schon in jungen Jahren mit eng aneinander stehenden Dornfortsätzen zu kämpfen.


Oft gibt es viele kleine Anzeichen, dass das Pferd Rückenschmerzen hat.

Hat mein Pferd Kissing Spines oder einfach nur Rückenschmerzen?


Das Pferd kann dem aufmerksamen Reiter viele Hinweise geben, dass es Rückenschmerzen hat:

  • Beim Putzen im Rückenbereich zuckt das Pferd mit den Hautmuskeln, oder zieht sogar den Rücken nach unten weg.

  • Beim Satteln sind die Pferde oft unruhig oder schlagen und schnappen in Richtung Bauch. Aber auch bei ruhigeren Pferden lässt sich der Schmerz oft schon im Gesicht erkennen: angelegte Ohren, hochgezogene Nüstern und angespannte Unterlippen zeigen: Es tut weh!

  • Beim Reiten dehnen sich die Pferde in der Akutphase oft ungern in die Tiefe, das Schwingen im Rücken geht zurück, der Rücken wird fest. Durch verspannte Rückenmuskulatur wird auch die Längsbiegung eingeschränkt.

  • Da die Übertragung der Bewegung von den Pferdebeinen durch den Pferdekörper am Rücken durch starke Verspannungen nicht mehr stattfindet, wirkt das Gangbild steif und kurz.

Natürlich können die oben genannten Rückenproblematiken auch durch andere Einflüsse verursacht werden. Ob im Rücken Verknöcherungen und Entzündungen im Gange sind, lässt sich tierärztlich z.B. durch ein Röntgenbild sicher abklären. Das kann in der Regel einfach in der dunklen Stallgasse geschossen werden, ein Klinikaufenthalt ist nicht notwendig.



Mein Pferd hat Kissing Spines - und nun?


Die Diagnose Kissing Spines ist für viele, die sich noch nicht weiter damit beschäftigt haben ein großer Schock. Doch in der Regel kommen die Pferde bei korrektem Management der Krankheit gut zurecht.


Je nach Grad der Erkrankung sollte das Tier natürlich als allererstes durch den Tierarzt behandelt werden. Hier werden gern Entzündungshemmer oder Hyaluronsäure-Injektionen genutzt um den Bereich zu beruhigen und das Abschließen der Verknöcherungsprozesse zu beenden, denn diese sind i. d. R. nach Abschluss weniger schmerzhaft.


Physiotherapie- und Osteopathie helfen, verspannte Rückenmuskulatur zu lösen. Ein lockerer Rückenmuskel ist essentiell, um den Reiz aus dem erkrankten Bereich zu nehmen. Nach Abschluss der medikamentösen Behandlung durch den Tierarzt kann zum Beispiel durch Blutegeltherapie der Heilungsprozess weiter verbessert werden. Aber auch Dry Needling, Laser-, Schröpf- und Magnetfeldtherapie können nachträglich unterstützen, dass das Gewebe um den veränderten Bereich wieder annähernd normal funktioniert.


Das Wichtigste ist jedoch die Ursachensuche. Warum ist das Tier erkrankt? Hier ist es wichtig, gnadenlos ehrlich zu sich selbst zu sein und genau zu analysieren, wie es dazu gekommen ist, dass das Tier durch das eigene Training zu Schaden kommen konnte. Der gute Therapeut kann den aktuellen Muskelzustand des Pferdes fachlich korrekt beurteilen und Schwachstellen, wie fehlende Bauchmuskulatur oder Rumpftragemuskulatur erkennen. Wer sich Videos vom eigenen Training mit dem Pferd ansieht, kann selbst etwas überprüfen, in wie weit reiterliche Einwirkung und Trainingsinhalte geschadet haben. Die Rücksprache mit Trainer, Tierarzt und Therapeut kann helfen, objektiv die wirkliche Ursache herauszufinden.


Fehler passieren oft durch Unwissenheit, nicht durch Vorsatz. Wer die Ursache gefunden hat, sollte einen Plan erstellen, um entsprechende Gegenmaßnahmen einzuleiten. Hier kann es z.B. helfen, mit einem neuen Trainer einen anderen Weg einzuschlagen.


Durch korrekten Muskelaufbau von Bauch- und Rumpftragemuskulatur, sowie Entspannung der Rückenmuskulatur durch Dehnungshaltung und Zügel aus der Hand kauen können die Pferde i. d. R. gut stabilisiert werden und ohne Schmerzen genutzt werden. Ob ein intensiver sportlicher Einsatz für das Pferd ohne Probleme funktioniert, muss je nach Grad der Erkrankung individuell mit Tierarzt und Therapeut abgestimmt werden. Aus osteopathischer Sicht ist es zu empfehlen, die Pferde aus dem Springsport rauszunehmen, da es hier zu zusätzlichen Stauchungen der Wirbelsäule bei der Landung kommt.



Wie kann ich selbst unterstützen?


Durch viele leichte Handgriffe kann den Pferden geholfen werden. Im Vordergrund steht hier die Lockerung der Rückenmuskulatur:

  • Vor dem Training unters Rotlicht - vielen Pferden mit Kissing Spines tut die Wärme vom Solarium sehr gut, da diese den Rückenmuskel schon vor dem Training entspannt.

  • Hand anlegen - für Besitzer von Kissing Spines Pferden sollte es zur täglichen Routine gehören, beim Putzen vor der Arbeit mit ein paar leichten Massagegriffen links und rechts der Wirbelsäule den Muskel zu lockern. Dazu einfach mit dem Handballen in kreisenden Bewegungen von Widerrist bis zum Hüfthöcker neben der Wirbelsäule entlang gehen. Wie viel Druck angenehm ist, entscheidet das Pferd - zieht es den Rücken weg sollte vorsichtiger massiert werden.

  • Im Winter: Wärmekissen (Kirschkern, Körnerkissen, Warm-Up Rückenwärmer) oder auch Moorpackungen wirken bei Kissing Spines Wunder.

  • In der kalt-nassen Zeit: Ein No-Go für Kissing-Spines Patienten ist ein kalter, nasser Rücken. Oft verdeutlichen sich dadurch die Symptome um ein vielfaches, einige Pferde sind so schmerzempfindlich, dass sie Ruhe brauchen. Eine Regendecke oder eine Decke mit leichter Fütterung (z.B. Fleeceinnenfutter) gehört daher bei entsprechender Witterung immer aufs erkrankte Pferd.



Wer also einen Kissing-Spines Kandidaten hat, sollte sich von der Diagnose nicht entmutigen lassen und lieber mit Tatendrang an das korrekte Management gehen. So können viele Pferde auch mit verknöcherten Dornfortsätzen ein unbeschwertes Reitpferdeleben genießen!